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Mit Angst in die Schule gehen

07. Februar 2011 von admin · Keine Kommentare · Texte

Tinuviel. Der Unterricht wird unmöglich, weil kein Schüler sich konzentrieren kann. Grund ist die Angst vor der Polizei. Da denkt man an ein Land, weit weg von der Schweiz.

Aber es passiert mitten in Zürich. In der Schule «Bildung für alle».

Zwanzig Minuten vor Unterrichtsbeginn. Ich bereite die Lektionen vor und schaue aus dem Fenster. Zwei Schüler werden von drei Polizisten umstellt.

Ich weiss, dass sie Angst haben. Angst, weil sie den sogenannten NEE-Status haben (Nichteintretensentscheid, d.h. sie haben ein Asylsgesuch gestellt, das gar nicht erst inhaltlich behandelt wurde). Folglich leben sie ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz – was aber nichts an der Tatsache ändert, dass sie aus ihrem Heimatland geflüchtet sind und nicht so einfach zurück können.

Ich gehe zu den Polizisten und bitte sie, mir nicht einen meiner besten Schüler wegzunehmen.

Ich kenne die Geschichte meines Schülers. Er ist einer der fröhlichsten, positivsten Menschen denen ich je begegnet bin. So nervös und angespannt wie heute habe ich ihn noch nie gesehen. Er hat schon mehrere Jahre seines noch nicht allzu langen Lebens im Gefängnis in der Schweiz verbracht. Aus zwei Gründen: Erstens wegen seiner Hautfarbe, die nicht so ist, wie die der Menschen, die hier geboren sind. Und zweitens weil er im falschen Land geboren wurde und von dort geflüchtet ist.

Die Polizistin bittet ihn seinen Namen aufzuschreiben, seine Hände zittern. Sie sagt, er solle schöner schreiben. Sie fragt, ob er noch mehr Namen hat. Er ist verwirrt. Und fragt sie: «Hast Du noch mehr Namen?» Anscheinend empfindet sie es als unhöflich und korrigiert ihn: «Haben Sie noch mehr Namen.» Er wird noch nervöser und verzweifelter, ist den Tränen nahe und streckt seine Hände hin. Das hat er schon so oft erlebt: «Dann nehmen sie mich halt wieder mit.»
Um zwei Uhr ist sein Platz leer und bleibt es auch.

Es ist unmöglich die Stunden abzuhalten. Alle Schüler sind nervös, eine der Schülerinnen hört nicht auf zu zittern. Draussen vor dem Fenster ist immer wieder die Polizei zu sehen.

Eigentlich habe ich heute etwas über «Lernblockaden lösen» vorbereitet – das haben sich meine Schüler gewünscht. Es geht im Unterricht darum, dass man in der Schule ohne Angst lernen können soll. Ziemlich absurd, diese Situation. Alle haben Angst. Der Journalist aus Schweden, der über Menschenrechtsverletzungen in der Schweiz berichtet, hört über die Angst, die schlaflosen Nächte, Kopfschmerzen, die Perspektivlosigkeit mit der die Flüchtlinge hier leben.
Als die Schule zu Ende ist – Unterricht war an diesem Nachmittag nicht möglich – steht noch immer die Polizei vor dem Schulgebäude. Viele haben Angst und es wird beschlossen, dass alle gemeinsam rausgehen. Bei der Tramhaltestelle kommen weitere Polizeiautos dazu und Polizisten mit Gummischrot stellen sich auf die Tramschienen. Der Bus und das Tram kommen nicht mehr durch. Die Menschen haben Angst.

In den nächsten Tagen werden die Schulzimmer wohl leer bleiben. Aus Angst werden viele nicht mehr zur Schule kommen.

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