Die Autonome Schule Zürich heute – von der Karawane zum Pavillon mit befristetem Vertrag

Die Autonome schule Zürich (ASZ) lebt weiter, sowieso. Bis Ende Jahr bleibt sie vorerst auf dem Güterbahnhofsareal. Wie es dann weiter geht, ist offen. In der Zwischenzeit stellen sie sich kritische Fragen zur Institutionalisierung. Von Raphael Jakob

Am 19. April 2010 eignete sich die Autonome Schule Zürich die damals leerstehende Baracke am Rande des riesigen Güterbahnhofareals an: eine weitere Eroberung der Ungehorsamen, Mittellosen und Widerständigen. Rund ein Dutzend Räumlichkeiten in brachliegenden Liegenschaften, städtisch subventionierten Kulturpalästen und solidarischen Theaterhäusern nutzte das selbstverwaltete Bildungsprojekt bis dahin, um weiter am niederschwelligen, kostenlosen und freien Bildungsaustausch zu bauen und gegen Rassismus und Ausgrenzung zu kämpfen. Zu Beginn dieses Jahres kündigte die SBB an, auf Ende März 2012 die Baracken definitiv abzureissen und somit die ASZ zum Weiterzug zu zwingen. Aufgrund ihrer Struktur wurde die ASZ von der SBB nicht als Verhandlungspartner akzeptiert. Daraufhin meldete sich bei der ASZ das Solinetz, eine kirchennahe Organisation, die sich für eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik einsetzt, bei der ASZ. Das Solinetz übernahm die Verhandlungen mit dem Barackenbesitzer Ralph Bänziger und der SBB und ermöglichte so die Gebrauchsleihe der Baracke bis Ende Jahr. Die ASZ bezahlt Nebenkosten. Obwohl die ASZ rechtlich Untergebrauchsleihnehmerin ist und ein vertragliches Verhältnis zum Solinetz besteht, lässt sie keinen weitergehenden Einfluss auf Organisationsfragen zu und bleibt weiterhin autonom. Der Vertrag dauert nur bis Ende Jahr, dann soll angeblich das gesamte Güterbahnhofsgelände an den Kanton übergehen. Trotzdem befindet sich die ASZ nun zum ersten Mal in einer legalen Raumsituation. Dies bedeutet auch einen weiteren Schritt Richtung Institutionalisierung.

«Gemeinsam am kritischen Bewusstsein arbeiten heisst, die Wirklichkeit zu problematisieren und zwar aus der Sicht der Ausgeschlossenen.»

Die Autonome Schule Zürich hat sich in den letzten drei Jahren zu einem grossen Projekt entwickelt. Zurzeit finden pro Woche 49 Stunden Deutschkurse für bis zu 180 Migrant_innen statt. Die ASZ bietet aber auch für andere Sprachkurse Platz: zurzeit wird Türkisch, Arabisch, Englisch und Spanisch gelehrt und gelernt. Daneben gibt es Mathematik- und Computerkurse, politische Veranstaltungen, philosophische Seminare, lesereihen, Bewegungskurse, die Freitagsbar und einen Youtube-Kanal. Der gesamte Betrieb der Schule unterliegt dem freiwilligen, unbezahlten Engagement.

Der Kern der ASZ sind die Deutschkurse. Diese richten sich vorrangig an Menschen, denen die Mittel fehlen, einen Kurs an einer offiziellen Sprachschule zu besuchen. Die meisten von ihnen sind Wartende im Asylverfahren, dürfen entweder nicht arbeiten oder finden keinen Job. Die Deutschkurse sind auch eine Gelegenheit, dem zermürbenden und marginalisierten Dasein in den Asylheimen zu entfliehen. Mit dem Grossteil der Spenden, welche die ASZ erhält, bezahlt sie Monatstickets für die öffentlichen Verkehrsmittel. Diese kommen den illegalisierten Migrant_innen zugute: Menschen, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, und die somit aus allen staatlichen Fürsorgeeinrichtungen und legalen Anstellungsverhältnissen ausgeschlossen sind. Damit springt die ASZ ganz klar in eine lücke wohlfahrtsstaatlicher Präsenz. Die damit verbundene politische Manipulierbarkeit muss sie sich bewusst machen, um sie zu problematisieren und politisieren. Die strukturelle Gefahr, rein humanitäre Arbeit zu leisten und das «Palliativ für die Gesellschaft» zu sein, ist gross, und dieser Gefahr muss sich die ASZ kritisch stellen, ansonsten ist sie ein reines Hilfsprojekt, ohne Strukturen zu bekämpfen, welche die Ungerechtigkeiten erzeugen.

Das Departement Stadtentwicklung der Stadt Zürich, welchem auch die Integrationsförderung unterstellt ist, hat kürzlich einen Flyer herausgegeben, in dem es für über 350 Deutschkurse in der Stadt Zürich wirbt. Das Erlernen der deutschen Sprache steht in der Integrationspolitik des Staates ganz weit oben. Man kann sich gut vorstellen, dass die Stadt Zürich Kursteilnehmer_innen auch in die ASZ schickt und das Projekt eine tolle Sache findet. Was der Staat jedoch unter Integration versteht, hat man an der letztjährigen, teuren Plakatkampagne gesehen. Da hiess es zum Beispiel «lehr Tüütsch und red mit de lüüt». Auf paternalistische Art und Weise wurde hier versucht, die Ausländer_innen anhand lieblich gezeichneter Illustrationen zu zivilisieren. Der/die Fremde wird als ignorante_r Wilde_r dargestellt, der/die nicht gewillt ist, sich zu sozialisieren. Die ASZ darf sich nicht als Integrationshilfe des Staates sehen, denn dieser versucht etwas Unmögliches. Der Staat konstruiert zuerst den/die Fremde_n, um dann von ihm/ihr zu verlangen, so zu sein, wie alle anderen.

Die ASZ soll eben genau nicht ihre Aufgabe darin sehen, die Gesellschaft zu normalisieren, wie es der staatliche Integrationsdiskurs vorsieht. Vielmehr soll es darum gehen, dass die Projekt- Beteiligten in der ASZ durch die Methode des Dialogs die Wirklichkeit enthüllen und somit die sozialen Antagonismen sichtbar machen. Gemeinsam am kritischen Bewusstsein arbeiten heisst, die Wirklichkeit zu problematisieren und zwar aus der Sicht der Ausgeschlossenen. Die ASZ versteht sich dabei nicht als Insel, sondern sie befindet sich in der Gesellschaft.
Die Schule muss ein Ort sein jenseits der Exotisierung des Fremden. Jenseits des neoliberalen Paradigmas, die Migration als Ressource zu sehen. Jenseits der Viktimisierung von Flüchtlingen, die in dieser logik bloss als dank- bare Empfänger humanitärer Hilfe angeschaut werden. Natürlich auch jenseits der Kriminalisierung der Ausländer_innen, wie es die bürger- lichen Politiker_innen und Medien tun. Es soll ein Raum sein, der von hier Geborenen und Zugezogenen gemeinsam gestaltet wird.

Klar, die ASZ ist im Aktionismus und in der Agitation entstanden. Die reine Aktivität ist jedoch nicht möglich. Das Gegenteil von Aktionismus ist nicht Passivität, sondern Reflexivität. Wie können wir eine Schule langfristig erhalten, die selbstverwaltet ist und eine wirklich gegenhegemoniale Erzählung zum neoliberalen Kapitalismus leistet.

Dazu passend ein Textabschnitt von Slavoj Žižek: «Die Nagelprobe jeder radikal-emanzipatorischen Bewegung ist dagegen, in welchem Masse es gelingt, die praktisch-trägen institutionellen Gewohnheiten täglich zu transformieren, welche die Oberhand gewinnen, sobald die Glut des Kampfes abgekühlt ist und die Menschen wieder zur Tagesordnung übergehen. Der Erfolg der Revolution sollte nicht an der erhabenen Ehrfurcht vor ihren ekstatischen Momenten bemessen werden, sondern an den Veränderungen, die das grosse Ereignis am Tag danach im täglichen leben hinterlässt.»

Die Autonome Schule Zürich steht nicht für eine Antwort, sondern für ein Problem. Das Problem der freien, kritischen Bildung in der kapitalistischen Klassengesellschaft.

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