05. 09. 2016 The Voices of Oreo Castro

Der Spass, ein Flüchtling zu sein

Nicht viele Leute wissen, was in Flüchtlingslagern wirklich passiert. Deshalb erzählen die Flüchtlinge aus Oreokastro in einem Facebook-Blog wahre Geschichten aus ihrem Alltag in Griechenland. Nur schon Busfahren birgt ungeahnte Komplikationen.

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Nach der polizeilichen Räumung des Lagers in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze wurden Tausende von Geflüchteten in staatlichen Massenlagern einquartiert, wo die Zustände meist katastrophal sind.  Eines dieser Camps befindet sich in Oreokastro, einem Vorort von Thessaloniki. In einer leerstehenden Fabrik leben dort 1300 Geflüchtete auf engstem Raum. Für die Organsation des Alltags im Camp war die ersten Monate wie überall sonst eine NGO verantwortlich, die es aber nicht schaffte, würdevolle Lebensbedingungen zu schaffen. Vor allem die Organisation des Essens führte immer wieder zu grosser Unzufriedenheit bei den Camp-Bewohner*innen. Ende Juli hatten sie genug und warfen die NGO aus dem Camp. Sie organisieren sich nun mit einem refugees council selbst. Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, führen sie einen Facebook-Blog: The Voices of Oreo Castro. Der hier veröffentlichte Text ist dort erschienen. (Red.)

Nicht viele Leute wissen, was in Flüchtlingslagern wirklich passiert. Speziell in unserem Lager. Das möchten wir ändern. Deshalb posten wir unter dieser Rubrik kleine Anekdoten. Alle Bespiele beruhen auf wahren Geschichten und sollen Ihnen einen besseren Eindruck geben, wie das Alltagsleben in Oreokastro tatsächlich ist. Sie werden von allen grossen und kleinen Problemen lesen, die sich uns im Lagerleben stellen. Aber Sie müssen auch verstehen, dass wir nicht die ganze Zeit nur von schlechten Dingen sprechen können...

Wir wissen, dass Griechenland uns wahrhaft versucht zu helfen, und dementsprechend müssen wir unseren Optimismus bewahren. Deshalb haben wir entschieden, ein kleines bisschen Optimismus mit Ihnen und der Facebook-Community zu teilen. Für uns sind die Tassen halb voll, nicht halb leer. Sie werden lesen, wie eine Mahlzeit, auf offenem Feuer gekocht, eine schöne, romantische Atmosphäre draussen in der griechischen Wildnis schafft. Oder Sie lesen vom Vorteil, immer einen freien und kostenlosen Parkplatz zur Verfügung zu haben. Sogar direkt vor unserer Tür! Zum Glück schützen uns die griechischen Behörden, indem sie unabhängige freiwillige Helfer wegschicken, die diesen freien Platz möglicherweise besetzen könnten. Wir dachten, er sei für unsere Autos gedacht, die wir kaufen werden – sobald wir einen Job finden.

Aber nun zurück zur Realität...

Wir besitzen diese Autos noch nicht. Deshalb müssen wir den Bus nehmen, um «nach Hause» zu kommen. Busfahren ist immer eine nette und authentische Erfahrung der Griech*innen und ihrer Willkommenskultur. Weil die Busfahrer*innen normalerweise kein Englisch sprechen, war die Busgesellschaft so freundlich, uns einen speziellen Busbeamten zur Verfügung zu stellen, der nur auf unserer Buslinie arbeitet. Er steht immer zur Verfügung und ist willig, uns zu helfen, wann immer wir ihn brauchen. Und er sorgt sich sehr um unsere Sicherheit. Deshalb versuchte er verzweifelt, einen von uns zu stoppen, der mit einem alten Metallkorb mit Früchten und Gemüse den Bus besteigen wollte. Aus Frustration, weil wir unfähig waren, seine Informationen zu verstehen, ergriff er die Initiative und stiess den Flüchtling hinaus. Weil wir nicht verstehen konnten, was geschah, bot er sogar an, die Polizei zu rufen, um uns zu helfen. Doch zum Glück fand sich eine alte Dame, die putzte und übersetzen konnte: Es würde uns und die anderen Fahrgäste in unvorhersehbare Gefahr bringen, den Metallkorb im Bus mitzunehmen! Wir waren fasziniert von dieser Sorge.

Nachdem wir das Rätsel gelöst hatten, nahmen wir alle Plastiksäcke heraus und falteten den gefährlichen Korb zusammen. Endlich waren wir bereit für unsere 4 Kilometer lange Reise. Nun, da wir den Korb nicht mehr benutzen konnten, brauchten die Säcke mit den Früchten und dem Gemüse ein bisschen mehr Platz als normalerweise. Ein anderer Busfahrer bemerkte unser Dilemma und opferte 10 Minuten seiner Mittagspause, um aus seinem Büro zu kommen und uns zu raten, das nächste Mal ein Auto zu mieten. Das wäre so viel leichter und bequemer. Es war sehr verständnisvoll von ihm, das Wort «mieten» zu benutzen. Denn er wusste, dass wir noch nicht genug Geld haben, um eigene Autos zu kaufen. Sehr aufmerksam, Herr... Im Namen aller Flüchtlinge von Oreokastro möchten wir diese Gelegenheit nützen und Ihnen und der Busgesellschaft von Thessaloniki dafür danken, dass Sie uns so behandeln wie alle anderen Kunden.

Übersetzung: Martina Läubli

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