20. 02. 2018 Addis M.

Die Urbanisierung rückt die Welt nach links, deshalb muss die Linke die Führung übernehmen

Von der neolithischen Revolution bis zum Widerstand gegen Trump: Ein historisch-politischer Essay über die weltgeschichtliche Rolle der grossen Städte.

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Gezi-Proteste 2013: In Metropolen wie Istanbul ist der Widerstand gegen autoritäre und nationalistische Herrscher am stärksten. (Foto: Stephen Lewis, bubkes.org)

Als die Menschen noch Jäger*innen und Sammler*innen waren, war das Leben auf der eurasischen Platte und in einigen Teilen Afrikas fast unmöglich. Die Gemeinschaften waren dauernd von einem Ort zum anderen unterwegs. Die Männer folgten den grösseren Wildtieren, um sie zu jagen – zum Teil tagelang oder über längere Zeitabschnitte. Die zurückgelassenen Frauen erledigten die meisten Arbeiten, von Kinderbetreuung bis zum Sammeln von Körnern, Samen, Nüssen, Früchten, Wurzeln, Eiern oder Raupen. Manchmal jagten sie in der Umgebung. Die Entdeckung des Getreides und der Haustierhaltung führte die Menschen zu einem neuen Zeitalter der Ackerbau- und Hirtengesellschaften.

Dank der Landwirtschaft wurde das Leben der Menschen besser und einfacher als bei den Jäger*innen und Sammler*innen. Die wachsenden Bauerngemeinschaften begannen kleine Dörfer zu bauen, die im Laufe der Zeit zu Städten wurden. Manchmal führte die Nahrungsmittelknappheit zu Konflikten. Die Menschen kamen zum Konsum durch die Jagd, die durch die Tötung von anderen Leben eine Form der Gewalt darstellt. Infolgedessen zögerten sie jetzt nicht, für ihre eigenen Überlebenschancen auch Gewalt gegen ihre Artgenoss*innen anzuwenden. Die Städte waren Enklaven, die gegen den Feind verteidigt werden mussten. Aber sie halfen auch den umliegenden Dörfern, ihre Güter auszutauschen. Dies führte zu einem neuen Typ von Reichtum in den Städten, der auf Handel basierte, und die Bevölkerung begann zu wachsen. Aus diesen kleinen Städten stiegen die ersten Prototypen von Nationen oder Reichen empor. Einige von ihnen wurden zu grossen Reichen oder Zivilisationen.


Aus diesen kleinen Städten stiegen die ersten Prototypen von Nationen oder Reichen empor. 


Viele Städte stiegen im Lauf der Geschichte auf und wurden durch menschengemachte oder natürliche Katastrophen wieder zerstört. Aber sie ebneten den Weg für andere, die von ihnen lernten. Ihr Einfluss auf Kultur, Architektur und Politik war enorm. In einigen Fällen hielt dieser Einfluss sogar an, nachdem sie in Kriegen verloren hatten und zerstört wurden. Sie waren nicht nur wirtschaftliche Drehscheiben, wie es die Archäologie und historische Dokumente zeigen. Vor allem waren sie politische und kulturelle Zentren. In diesen Städten lebten nicht nur Könige, Kaiser und deren Leutnants, auch die Häuser der Götter und Göttinnen waren dort. Von diesen Städten aus machten die Könige und Kaiser ihre Macht sogar in weit entfernten Dörfern spürbar – bei Leuten, die nie einen Fuss in diese Städte gesetzt hatten.

Seit der industriellen Revolution sind diese Städte nicht nur Handels- und Finanzzentren. Jetzt wurden sie auch Zentren der Produktion, und der Reichtum der Nation begann, sich dort zu konzentrieren. Diese Transformation verlangte nach mehr Arbeitskräften. Deshalb begannen Leute aus ländlichen Regionen in die Städte zu migrieren, um eine Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Dies führte zur Urbanisierung. Von diesen Städten aus starteten die politischen und sozialen Revolutionen. Dort organisierten sich die Arbeiter*innen zuerst und kämpften für ihr Recht, die Arbeitsprodukte mit der kapitalistischen Klasse zu teilen. Die Folge war ein politischer Konflikt mit dem alten feudalen Establishment und mit der neuen herrschenden Klasse. Gewerkschaften und Intellektuelle setzten sich ihnen entgegen. Später schlossen sich Bäuer*innen an. Die Arbeiter*innen der Welt begannen sich nicht alle gleichzeitig in jeder Stadt, in jedem Land oder Kontinent zu organisieren. Aber der Grund, sich zu organisieren und zu kämpfen, war überall derselbe. Zwar wurden ihre Revolutionen von machthungrigen Individuen und Gruppen gekapert, vielleicht haben sie nicht alle fundamentalen Rechte erreichen können. Aber ihr Kampf half nächsten Generationen, politisch und wirtschaftlich voranzukommen, und trug zum Aufstieg der Mittelschicht bei.


Von diesen Städten aus starteten die politischen und sozialen Revolutionen.


Das 20. Jahrhundert war ein Blutbad in der Menschheitsgeschichte. Der Erste und der Zweite Weltkrieg zwangen Menschen in grosser Zahl in sichere Länder oder Gebiete innerhalb des Landes auszuwandern. Die Mehrheit von ihnen liess sich in grossen Städten nieder. Im Zweiten Weltkrieg wurden auch diese nicht verschont. Sie waren das erste Ziel für unterscheidungslose Luft- und Artilleriebombardements und Belagerungen, die zum Hungertod von Millionen von Menschen führten.

Als der Krieg zu Ende war, lancierten die USA für Westeuropa den Marshall-Plan, um die zerstörten Länder wiederaufzubauen. Die Sowjetunion hatte den Molotov-Plan für den Osten. Beide Programme halfen Europa, sich von den Ruinen des Kriegs zu erholen. Die USA und die Sowjetunion taten dies nicht aus Herzlichkeit. Es war ein Ablenkungsplan, um zu herrschen. Für beide Länder war Europa ein Frontgebiet. Die alten Herren hatten nun neue Herren. Beide Länder investierten viel Geld in ihren jeweiligen Blöcken, um diese Länder zu modernisieren und wiederherzustellen. Das Wirtschaftswachstum begann Mitte der Fünfzigerjahre, wenn auch nicht auf beiden Seiten gleich stark: Westeuropa lag vorne. Die zerstörten Städte wurden wieder produktiv. Infolgedessen wuchs auch die Bevölkerung. Westeuropa hatte wohl neue Herren, die nicht mehr Dinosaurier waren. Dafür hatten sie nun Krokodile. Westeuropa begann, Arbeitskräfte aus den Kolonialstaaten oder anderen Ländern zu importieren. So wurden die Städte dort multikulturell. Diese Transformation hält bis heute an.


Westeuropa begann, Arbeitskräfte aus den Kolonialstaaten oder anderen Ländern zu importieren. So wurden die Städte dort multikulturell.


Seit den Siebzigerjahren drängt der Westen unter Führung der USA auf Marköffnung und Globalisierung. Nach dem Fall der Sowjetunion wurden diese Prinzipien aggressiv implementiert und machten die Drittweltländer zu Niedriglohnfabriken für den Westen. Dieser Plan hat zwei Ziele: Erstens sollen dadurch die Linke und die Gewerkschaften an der Heimatfront geschwächt werden, zweitens soll dadurch, dass kein Land selbstversorgend ist, die globale Vorherrschaft des Westens gesichert werden, so dass niemand versuchen soll, diese Ordnung herauszufordern. Im Westen kaperte die politische und wirtschaftliche Ordnung des Neoliberalismus die Linke und nahm der Arbeiter*innenklasse ihren Sinn und Zweck. Sie liess die Unternehmungen die totale Übermacht über die Arbeiter*innenklasse und die Mittelklasse erringen, schwächte die Gewerkschaften und zerstörte kleine Landwirtschaftsbetriebe. Sie öffnete den Firmen mit ihren Deregulierungsgesetzen den eisernen Käfig. So schrumpfte die Mittelklasse weiter. Die Finanzkrise 2008 war dann eine wirtschaftliche Katastrophe, von der sich einige Länder noch immer nicht erholt haben. Die ersten Opfer waren die Armen.

Die grossen Städte geben der Linken Leben. Aber die Linke ist von den Neoliberalen gekapert. Die Linke hat kein Rückgrat, um die grossen Firmen zu konfrontieren und für die Arbeiter*innen- und Mittelklasse zu sprechen. Trotzdem nehmen diese urbanen Städte den Rechten ihre Angstmacherei und hasserfüllte Politik, die andere für alle Übel verantwortlich macht, nicht ab.


Die grossen Städte geben der Linken Leben. Aber die Linke ist von den Neoliberalen gekapert.


Wir haben dies bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gesehen, als Donald Trump zwar gewann, aber die Mehrheit der Stimmen verpasste. In Russland leben die wichtigsten Gegner der nationalistischen Politik Wladimir Putins in den grossen Städten wie Moskau, St. Petersburg oder Jekaterinburg. In der Türkei nimmt die Popularität der islamistischen AKP ab. Beim Verfassungsreferendum 2017 gewann die AKP zwar knapp mit 51 Prozent, verlor aber in Izmir, Ankara und sogar in der Erdogan-Heimbasis Istanbul. Obwohl es zwar so scheint, dass der Nationalismus im Aufstieg begriffen ist, macht es die Urbanisierung den Rechten schwerer, ihr Spiel der Angstmacherei zu spielen. Dies geschieht nicht nur in den genannten Ländern, sondern überall auf der Welt. Und die Urbanisierung nimmt weltweit mit hoher Geschwindigkeit zu.


Nur die Linke hat die Antwort für die grossen Weltprobleme.


Die Linke muss sich von den Neoliberalen befreien. Sie kann die Rechten herausfordern. Die Rechten scheinen mit ihren Alpha-Männern als Führern stark, aber eigentlich sind sie schwach. Sie haben keine Lösung für eine nachhaltige Wirtschaft, für die Umwelt, für den Weltfrieden und die Freiheit. Nur die Linke hat die Antwort für diese Probleme. Die Rechten führen die Welt bloss in einen dunklen Abgrund. Die Linken sind Denker*innen, Debatierer*innen, die intelligent argumentieren, kreative Personen, welche die schwierigen und dynamischen Herausforderungen der heutigen Welt betrachten und Perspektiven und Lösungen sehen, um das Leben der einfachen Leute zu verbessern.

Die Linke braucht keinen Feind zum Überleben, nur das richtige Mass!

Der Autor ist ein vorläufig aufgenommener Äthiopier. Er wohnt in Zürich und ist auf Stellensuche.
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Schmitz

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