30. 10. 2017 Martina Läubli

«Frauen bezahlen den doppelten Preis für die Flucht»

Auf der Flucht durch die Sahara sind Migranten und insbesondere Migrantinnen Gewalt schutzlos ausgeliefert. Verantwortlich dafür ist auch der Zynismus der europäischen Politik. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Emmanuel Mbolela.

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Emmanuel Mbolela, fotografiert vo Jean-Michel Probst

Emmanuel Mbolela, Sie haben in Marokko ein Rasthaus für Frauen gegründet. Warum?

Die Frauen, die aus afrikanischen Ländern in Richtung Europa migrieren, haben die Sahara durchquert und auf ihrer Flucht unglaubliche Greueltaten erlitten. Frauen erfahren unterwegs viel mehr Gewalt als Männer. In Marokko, dem letzten Land vor Europa, haben sie keinen Platz, wo sie schlafen können; also geht die Gewalt und Ausbeutung weiter. Deshalb haben wir 2015 in Rabat ein Haus gemietet, wo Frauen temporär wohnen können. Es gibt drei Wohnungen mit Platz für je zehn Frauen. Doch die Nachfrage ist riesig. Zur Zeit wohnen vierzig Frauen, ohne die Kinder zu zählen im Rasthaus. Wir setzen uns auch dafür ein, dass ihre Kinder in Marokko eingeschult werden. In einer Bibliothek bieten wir schulische Unterstützung an und Alphabetisierungskurse für die Frauen. Einige Migrantinnen können weder lesen noch schreiben. Doch das ist wichtig, um sich in die Gesellschaft integrieren zu können.

Haben Migrantinnen in Marokko denn eine Zukunftsperspektive?

Nein. Die Idee ist es, den Frauen einen Raum zu bieten, in dem sie sich erholen können. Wenn sie erst einmal in Marokko ankommen, sind sie erschöpft und haben viele Probleme. Im Rasthaus erhalten sie Schutz und Zeit zum Nachdenken, um ihr weiteres Projekt selbst definieren zu können – ob sie weitergehen oder nicht.

Wie ist die Situation von Frauen auf der Flucht?

Während der Flucht erfahren alle Migrantinnen und Migranten Gewalt. Das ist die bittere Realität. Gewalt von Seiten der Grenzbeamten, von anderen Personen, mit denen sie zu tun haben und die wir oft Schlepper nennen, aber auch von Banditen, die stehlend durch die Wüste ziehen. Frauen wie Männer werden geschlagen und ausgeraubt; doch Frauen sind daneben auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Ich habe mitangesehen, dass sogar Polizisten in der Nacht Frauen zu sich geholt haben. Frauen zahlen für ihre Flucht den doppelten Preis.

Und was machen Migrant*innen, wenn sie ausgeraubt werden und mit nichts dastehen?

Sie müssen eine Möglichkeit finden, auf der Reise wieder Geld zu verdienen. Migrant*innen arbeiten auf Baustellen, im Transport, auf Plantagen. Oft kommt es vor, dass der Chef sich nach beendeter Arbeit weigert, einen Lohn zu zahlen. Er droht damit, die Migrant*innen bei der Polizei zu melden. Das ist eine weitere Gefahr. Sie sind wehrlos, können nicht für ihr Recht kämpfen.

So kann eine Flucht sehr lange dauern.

Ich brauchte zwei Jahre, um vom Kongo nach Marokko zu kommen. In Marokko war ich dann fast vier Jahre blockiert. Ich habe fast sechs Jahre gebraucht für meine Flucht vom Kongo in die Niederlande.

Was macht die Erfahrung der Flucht mit einer Person?

Es entstehen bleibende Traumata. Es ist schwierig, das zu vergessen. Der Geist bleibt blockiert, und es braucht viel Anstrengung, um solche schweren Erfahrungen hinter sich zu lassen. Gewisse Traumata bleiben. Mir persönlich hilft mein Engagement, sie teilweise zu überwinden. Aber ich habe Freunde, die in ihren Traumata verharren. Es ist schwierig. Eine wichtige Rolle spielt auch die Religion. Ich glaube an Gott. Mir hat das auf der Flucht sehr geholfen. Mein Glaube gibt mir Kraft und Trost. Denn unterwegs ist man ganz allein. Die Familie weiss nicht, wo man ist. Man weiss nicht, was Zuhause passiert. Das einzige, was bleibt, ist die Solidarität in der Gruppe. Wenn jemand keine Kraft hat zu gehen, trägt man ihn. Wenn einige nichts zu essen haben, teilen alle zusammen. Auch dieses Zusammenhalten gibt Kraft, den langen und brutalen Weg durchzustehen.


Emmanuel Mbolela ist Aktivist im transnationalen Netzwerk „Afrique Europe Interact“. Unermüdlich reist er durch Europa und Afrika, und setzt sich für die Rechte Geflüchteter ein. In Marokko hat er eine Organisation kongolesischer Flüchtlinge mitbegründet, seit 2008 lebt er in den Niederlanden. Im Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa“ erzählt Mbolela die eindrückliche Geschichte seiner Flucht durch die Sahara und des migrantischen Widerstands in Marokko.


Und wenn die Migrant*innen dann in Europa ankommen?

Sie kommen in Flüchtlingszentren, können nichts anderes tun als zu warten. Die Chance, Asyl zu erhalten ist für Afrikaner*innen sehr gering. Als ich in Europa ankam, habe ich zwar rasch Papiere bekommen. Doch ich habe gesehen, wie andere Geflüchtete der Unterdrückung und Gewalt ausgesetzt waren. In Europa spricht man von Menschenrechten, aber man lässt es zu, dass Leute draussen schlafen müssen – dabei würde es leere Gebäude geben. Wenn man niemanden kennt, ist es wichtig, dass einem Menschen unterstützen.

Was wäre auf politischer Ebene zu tun, um die Situation von Migrant*innen zu verbessern?

Die Europäische Migrationspolitik ist xenophob und diskriminierend. Sie respektiert die Menschenrechte nicht. Es ist zynisch, die Grenzen zu schliessen und dann zuzusehen, wie Menschen im Mittelmeer sterben. Geschlossene Grenzen lösen die Probleme nicht. Die Politik muss ändern. Ich kämpfe für eine Politik, die die Menschenrechte respektiert und die den Menschen zu leben hilft, statt Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu produzieren. Statt die Grenzen zu schliessen, sollte Europa sich fragen, warum die Menschen gezwungen sind, ihre Heimatländer zu verlassen. Und welches die Verantwortung Europas ist.

Und wo liegt denn die Verantwortung Europas in afrikanischen Ländern?

Europa hat eine grosse Verantwortung. Besonders verheerend ist die Unterstützung von diktatorischen Herrschern. Um in Afrika an die Macht zu kommen, braucht es die Unterstützung Europas – und diktatorische Machthaber erhalten sie über Jahrzehnte. Dagegen wurden jene Präsidenten in Afrika, die sich wirklich für das Wohl der Bevölkerung eingesetzt haben, ermordet. Ich spreche von Patrice Lumumba in meinem Land und von Thomas Sankara in Burkina Faso. Europa geht es anscheinend nicht um die Entwicklung Afrikas, sondern nur um die multinationalen Konzerne, die nach Afrika kommen, um Rohstoffe zu gewinnen. Davon profitiert Europa. Aber Afrika wird destabilisiert. Der Streit um die Rohstoffe verursacht unzählige Kriege und bewaffnete Konflikte um reiche Territorien; die Menschen sind gezwungen, ihr Land zu verlassen. Im Kongo hat der Krieg um Rohstoffe bereits sechs Millionen Menschenleben gefordert. Sechs Millionen! Die Gewalt ist unvorstellbar. Unzählige Frauen wurden vergewaltigt. Beispielsweise das Coltan: Um dieses für die Herstellung elektronischer Geräte unabdingbare Mineral zu gewinnen, wird im Zentrum des Landes gemordet und vergewaltigt.

Und was könnte Europa hier tun?

Es geht darum, die Ursachen der Migration zu verstehen. In Europa denken viele, die bewaffneten Konflikte in Afrika seien ethnische Konflikte. Das ist aber nicht wahr. Sie entstehen aus ökonomischen Gründen – es wird um die Ressourcen gekämpft. So schafft Wirtschaftspolitik Verfolgte. Aber wer bekommt schliesslich Asyl in Europa? Nicht die Schutzsuchenden, sondern das Geld der korrupten Herrscher, die ihr Land verlassen, um sich zu verstecken. Der europäische Diskurs über die Verbesserungen der Lebensbedingungen in Afrika ist deshalb scheinheilig.

Sie werfen der europäischen Migrationspolitik Zynismus vor.

Ja. Ein weiteres Beispiel sind die Schlepper. In Europa gelten sie als die Profiteure der Migration. Aber man sollte sich mal überlegen, warum das Schleppergeschäft überhaupt existiert. In Europa sind Schlepper ja nicht nötig. Als Schweizerin nehmen Sie Ihren Pass und gehen, wohin Sie wollen. Wer aber in einem afrikanischen Land aufs Konsulat geht, wird kein Visum bekommen. Als ich von 2004 bis 2006 in Marokko war, verlangten die Schlepper noch 600 Euro für die Überfahrt nach Europa. Aber heute sind die Grenzen geschlossen. Eine Überfahrt kostet nun 4000 bis 6000 Euro. Damit wird man entweder über das Mittelmeer gebracht oder man stirbt. Auf diese Weise produziert Europa Schlepper. Schlepper sind nicht zwingend Bösewichte. Oft sind sie einfach Leute, die Migrant*innen einen Service anbieten. Viele haben selbst Migrationshintergrund und zeigen den Neuen, wie sie weiterkommen.

Sie sagten vorhin, die europäische Politik sei fremdenfeindlich. Warum?

Sobald man sagt: Diese und diese Leute dürfen nicht hierherkommen, ist das fremdenfeindlich. Im Gymnasium behandelten wir die französische Revolution, wir lernten, dass in Frankreich Freiheit herrscht. Doch nun merken wir, dass Gleichheit und Freiheit in Europa nicht für alle gelten. Das ist fremdenfeindlich. Migrant*innen werden festgehalten und inhaftiert, wie wenn sie Kriminelle wären. Dazu kommt der Aufstieg der politischen Rechten in Europa, die in vielen Ländern bei den Wahlen profitiert hat. Diese rechten Strömungen verbreiten eine anti-migrantische Rhetorik. Das ist auch ein Effekt der aktuellen Migrationspolitik.

Was können Menschen auf der zivilgesellschaftlichen Ebene tun, um Migrant*innen zu unterstützen?

Die Gesellschaft hat einen langen Weg zu gehen. Aber hier in Europa haben die Menschen immerhin die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und ihre Regierungen zu sanktionieren. Sie sollten diese Möglichkeit nutzen, um das unmenschliche System und die Gesetze zu verändern. Im Alltag ist es wichtig, auf Migrant*innen zuzugehen und ihnen zu helfen, die Sprache zu lernen; ihnen Unterkunft anzubieten und zu zeigen, wie sie weiterkommen. Bildung ist zentral. Es gibt Geflüchtete, die keinen Beruf gelernt haben. Wenn sie eine Ausbildung absolvieren könnten, könnten sie nachher auch Arbeit finden. Es gibt aber auch viele Geflüchtete, die bereits eine Ausbildung, einen Beruf haben. Sie sollten darin unterstützt werden, in ihrem Bereich eine Stelle zu finden. Auch dabei ist die Sprache wichtig.

Sie leben seit 2008 in den Niederlanden. Seither haben Sie nicht aufgehört, sich für andere Geflüchtete einzusetzen und sich zum Thema Migration zu Wort zu melden. Woher kommt dieses Engagement?

Mein Engagement kommt aus meiner Erfahrung. All die Gewalt, mit der ich auf der Flucht konfrontiert war, all die Gewalt, die ich in Algerien und Marokko kennengelernt habe. Ich kann dazu nicht schweigen. Ich sagte mir: Warum setze ich nicht meine Papiere zu Gunsten jener ein, die keine Papiere erhalten haben? Es ist nötig, die Situation der Geflüchteten auch in Europa zu verbessern. Mein Engagement ist einerseits politisch. Es geht darum, Menschen für die Situation von Geflüchteten zu sensibilisieren. Ich spreche an Konferenzen, erzähle in Schulen von meinen Erfahrungen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Gleichgesinnte zu suchen und zu vernetzen, in Europa und Afrika. Wir haben zum Beispiel eine Karawane von Bamako in den Senegal organisiert. Afrikaner*innen und Europäer*innen haben Städte und Dörfer durchquert und sich mit der lokalen Bevölkerung getroffen. Andererseits engagiere ich mich auch in Projekten wie dem Rasthaus für Frauen in Rabat.

Interview: Martina Läubli

Das Buch

Emmanuel Mbolela: Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil. Mandelbaum Verlag 2015, 224 S.

Das Projekt – Rasthaus für Frauen in Marokko

Mehr dazu im Artikel von Emmanuel Mbolela über die Situation von Geflüchteten in Marokko (in: Archipel, Monatszeitschrift des Europäischen BürgerInnen Forum)

Spenden an:

Europäisches BürgerInnen Forum
Basel
PC 40-8523-5
IBAN CH24 0900 0000 4000 8523 5
Vermerk: „Baobab“

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