7. Mai 2019 Sandy K. und Hans Satt

Das Spielzimmer ist immer geschlossen

Illustration: Itzíar Tesán

Im Rückkehrzentrum in Adliswil leben Familien mit Kindern. Für sie gibt es keinen normalen Alltag.

Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten. Aber etwas haben sie gemeinsam: Sie sind im «Rückkehrzentrum» (RKZ, ehemals Notunterkunft) Adliswil untergebracht. Auch die Autorin dieses Texts musste mehrere Jahre dort verbringen. Als wir für diesen Artikel das RKZ besuchen, um mit einigen Personen über die Situation zu sprechen, sagen sie alle: «Wenn du mit einer Person sprichst, hast du mit allen gesprochen. Alle hier werden sagen: Dieses RKZ ist ein offenes Gefängnis.» Und alle möchten anonym bleiben, weil sie Angst davor haben, es würde ihre Chancen auf das Bleiberecht verringern, wenn sie sich gegen ihre Situation wehren. Zu Recht.

Deshalb erzählen wir eine Geschichte, die für alle Geschichten steht. Es ist eine Geschichte, die sich aus vielen einzelnen wahren Geschichten zusammensetzt, und die sich so trotzdem nie abgespielt hat. Um die Personen, die in Adliswil untergebracht sind, zu schützen.

Die Geschichte handelt von einer kleinen Familie: mit Vater, Mutter und zwei Kindern – einem Mädchen und einem Jungen. Der Junge ist noch zu klein für den Kindergarten. Er bleibt deshalb den ganzen Tag über im RKZ im Zimmer, weil er Angst davor hat, mit den anderen Kindern zu spielen. Schon mehrmals wurde er von ihnen geschlagen, und sein Spielzeug wurde gestohlen. Denn die Kinder stehen unter Stress, und mit so wenig Spielzeug kommt es oft zu Streitereien. Das Spielzimmer, das es im RKZ gibt, bleibt mit Ausnahme eines Nachmittags immer geschlossen. Als wir den Jungen besuchen, sitzt er auf dem Sofa und schaut sich auf einem Smartphone ein Video mit einer Holz-Eisenbahn an.

Seine Schwester ist etwas älter. Sie besucht die Primarschule Adliswil, 20 Minuten vom RKZ entfernt. Sie hat Zahnprobleme: Ihre Eltern erhalten nicht genug Geld, um gesundes Essen für sie zu kaufen. Der vierköpfigen Familie stehen etwas weniger als 30 Franken pro Tag zur Verfügung. Und anders als ihre Mitschüler*innen erhält sie keinen Gutschein für die jährliche obligatorische Zahnkontrolle. Immerhin: Dass sie die Primarschule besuchen kann, ist ein Erfolg. Eigentlich war eine sogenannte Aufnahmeklasse für sie vorgesehen gewesen, eine Klasse für Kinder, die neu in der Schweiz sind und nicht gut genug Deutsch sprechen. Obwohl das Mädchen die Sprache schon sehr gut beherrschte. Begründung: Falls es zu einer Ausschaffung kommen sollte, wäre das für die anderen Schulkinder möglicherweise traumatisierend. Wie damals, als die Polizei vor dem Schulhaus auf ein Kind gewartet hat, um es dann vor den Augen aller anderen zu verhaften – und später auszuschaffen.

Wegen solcher Erfahrungen haben sowohl das Mädchen als auch der Junge Angst vor der Polizei, die immer wieder ins RKZ kommt. Um Personenkontrollen durchzuführen. Oder um eine Familie unter Anwendung von Gewalt zu verhaften, weil sie ausgeschafft werden soll. Oft ist das laut. Die betroffenen Kinder und ihre Eltern schreien, und die Geschwister hören durch die dünnen Wände der Containersiedlung jedes Wort. Dann wird es still, und ihre Freund*innen sind weg. Auch die Mutter der Kinder wurde schon abgeholt und verhaftet. Sie musste eine Nacht in der Kaserne verbringen. Die Kinder verstanden nicht, was los war. Einmal wurde das Mädchen einige Tage, nachdem eine ihrer Nachbarsfamilien ausgeschafft worden war, von einer Besucherin gefragt, wo denn diese Familie gewohnt habe. Das Mädchen zeigte auf das entsprechende Zimmer – und rannte sofort weg. Weil sie so viel Angst hatte.

Manchmal bringen Freiwillige Geschenke ins RKZ. Dann herrscht jeweils grosse Aufregung. Die Kinder schreien, drängeln, betteln und versuchen, möglichst viel für sich selbst herauszuholen. Aber die Geschwister unserer Familie machen nicht mit. Die Mutter sagt ihnen, dass sie nicht daran teilnehmen sollen. Weil es nicht gesund sei, schon so früh auf diese Art mit der eigenen Armut konfrontiert zu werden.

Die Mutter würde eigentlich gern ein Ämtchen ausüben, um etwas mehr Geld zu verdienen und ihren Kindern vielleicht selbst mal ein Geschenk machen zu können. Auch wenn es nur ein Apfel wäre. Von den Mitarbeiter*innen der ORS Service AG (Organisation für Regie und Spezialaufträge) werden nämlich solche bezahlten Ämtchen vergeben. Wer die Küche putzt, erhält dafür pro Einsatz 4 Franken. Aber die Mutter darf so ein Ämtchen nicht übernehmen. Denn wer das begehrte Geld erhält, hängt allein von der Laune der ORS-Mitarbeiter*innen ab. Eine Rotation gibt es nicht. Es gilt also, sich mit den Mitarbeiter*innen möglichst gut zu stellen, sonst hat man keine Chance. Man muss um ihre Gunst buhlen. Hilfreich ist auch, die gleiche Muttersprache wie eine*r der Entscheidungsträger*innen zu sprechen.

Äpfel gibt es deshalb nur als Ausnahme. Auch für die 35-jährige Mutter, die ebenso wie ihre Kinder mit Zahnproblemen zu kämpfen hat. Und wenn ein Zahn kaputt geht und die Schmerzen zu gross werden, wird das Problem nicht behandelt – der Zahn wird gezogen. Viele Zähne hat sie deshalb nicht mehr, die meisten wurden schon entfernt, und ein Ersatz wäre zu teuer. Sie kann deshalb nicht mehr gut essen und kämpft mit Magenproblemen.

Kochen muss sie trotzdem für die ganze Familie. Dafür steht ihr eine Küche zur Verfügung, die sie mit allen anderen Bewohner*innen teilt. Um dahin zu gelangen, muss sie über den Innenhof laufen – auch wenn es schneit, regnet oder stürmt. Wenn sie Glück hat und zum richtigen Zeitpunkt dort ist, kann sie auf einer gut funktionierenden Herdplatte kochen. Wenn sie Pech hat, muss sie warten, bis ein Platz frei wird. Oft führt das zu Konflikten mit anderen Bewohner*innen, weil um die wenigen brauchbaren Herdplatten ein Streit entflammt. Die Nerven liegen eh schon blank. Ähnlich sieht es in der Waschküche aus: Dort gibt es viel zu wenig Platz. Die vierköpfige Familie erhält nicht genug Gelegenheit, ihre Kleider zu waschen.

Nicht besser sind die sanitären Anlagen: WC und Dusche. Auch sie liegen auf der anderen Seite des Hofs. Vom kleinen Zimmer, das die Mutter sich mit der ganzen Familie teilt, führt ihr Weg zur Dusche je nach Witterung durch die Kälte oder sogar Schnee. Sie ist, wenn sie im Bademantel zum Duschen unterwegs ist, auch sichtbar für die Männer, die sich auf der Anlage befinden. Ausserdem sieht die Mutter auf dem Weg zur Dusche jeweils die Ratten, die sich in der Containersiedlung ausgebreitet haben. 

Der Vater leidet unter einer schweren Depression. Aber während die Mutter zuhause nach den Kindern sehen muss, besucht er in der Stadt einen kostenlosen Deutschkurs einer solidarischen Organisation. Das Zugticket muss ihm von Privaten bezahlt werden. Das eigene Geld reicht dafür nicht aus, und die Behörden sehen keinen Grund, das Vorhaben zu unterstützen. Die Familie soll das Land ja verlassen. Trotzdem hält er sich, ebenso wie seine Frau, an der Hoffnung fest, irgendwann mittels Härtefallgesuch legalisiert zu werden. Denn alle Personen, die in den Zürcher Rückkehrzentren untergebracht sind, haben etwas gemein: Sie haben Hoffnung. Trotz der gnadenlosen Repression.

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