25. September 2026 Ivan Prijic
Ein blaugrüner Cadillac rollte langsam in die Rue des Moines und hielt vor der Hausnummer 59. Auf der Fahrerseite stieg ein hagerer, hochgewachsener Mann aus. Er trug ein abgetragenes, gemustertes Sakko und eine Kappe. Seine Nase erinnerte an eine dicke, rote Paprika, und seine schiefen Lippen waren zu einem ewigen Lächeln verzogen.
Währenddessen kämpfte der Beifahrer verzweifelt mit der Autotür und tastete nach dem Türöffner. Der junge Mann wusste nicht, wie man sie bediente; als Kind vom Land hatte er nur selten in einem Auto gesessen. Der Fahrer sah eine Weile zu, wunderte sich nicht schlecht, dann rannte er um das Auto herum und öffnete die Tür. «Schriftkundige Menschen können nicht einmal eine Autotür öffnen. Für einen Beruf taugen sie nicht – nur für Schule und Bücher», murmelte er dabei vor sich hin.
Auf den ersten Blick war klar, dass der junge Mann diese Strasse zum ersten Mal betrat. Gekleidet war er wie viele Studenten aus seiner Heimat: Jeans, Windjacke, abgetragene Turnschuhe. Klein von Statur, deutlich kleiner als der Fahrer, gedrungen; mit einem skeptischen, beinahe ängstlichen Gesichtsausdruck – und ahnungslos.
Über dem Eingang des Gebäudes stand in blauer Schrift: «Hotel Les Années Folles». Eine Tür führte ins Hotel, parallel dazu gab es entlang des Gangs eine lange Panzerglasscheibe; in ihrer Mitte befand sich eine weitere Tür, die in das Hotel-Restaurant führte, aus dem Gesang, Gelächter und Tanzmusik drangen.
Im Korridor befand sich rechts ein vergittertes Fenster. Dahinter sah man die Küche und den Koch, den Portugiesen Maria. Der Fahrer – ein Zimmermaler namens Marijanovic, der im Hotel von Madame Carmen und in der Baufirma von Patron Grigorije arbeitete – rief: «Hallo, Maria!»
Dann erklärte er dem Jüngling: «Maria ist der Koch des Hotels.»
Maria plapperte und sang mit jemandem.
«Zu den Aufgaben von Maria gehört es auch, sich um die Bulldogge der Besitzerin zu kümmern», fügte Marijanovic hinzu.
Die kleine Bulldogge begann wütend zu bellen, als sie den fremden jungen Mann neben Marijanovic sah. Der Jüngling zuckte erschrocken zusammen und wich mehrere Schritte zurück.
«Nur keine Angst», beruhigte ihn Marijanovic. «Das ist Jessica, der Liebling der Hotelbesitzerin. Wenn sie bellt, heisst das, Madame Carmen ist in der Nähe.»
«Marijanovic, Marijanovic», hallte es in dem Moment trompetengleich durch das Gebäude. Die warme Stimme Madame Carmens prallte von den Wänden zurück, als gehöre sie einer Opernsängerin. Man hätte glauben können, diese breite, rundliche Frau mit den blonden Haaren, den blauen Augen und dem stets breiten Lächeln sei Carmen selbst, die singend durch ein Opernhaus schreitet, und nicht die Besitzerin eines kleinen Hotels an der Rue des Moines im siebzehnten Arrondissement von Paris – nahe der Metrostation «Brochant», wo die Rue des Moines und die Avenue de Clichy zusammentreffen.
Kaum hatte Marijanovic ihre Stimme vernommen, eilte er zu ihr wie ein treuer Hund und schmiegte sich an sie. Es fehlte nur noch der wedelnde Schwanz. Sein Blick klebte an ihrem Gesicht; er wäre bereit gewesen, für Madame Carmen durchs Feuer zu gehen. So hatte er ihr Vertrauen gewonnen. Seit Jahren wohnte und arbeitete er in ihrem Hotel und hatte in Paris überlebt, obwohl er kaum Französisch sprach und sich wenig Mühe gab, es zu lernen.
«Die Franzosen brauchen keine Studenten, sondern Diener», pflegte er zu sagen. «Die Sprache ist unwichtig – entscheidend ist, Geld zu verdienen.» Dieses Leitmotiv eines Jugoslawen in Frankreich kam ihm wohl auch in diesem Augenblick in den Sinn, als er den jungen Mann neben sich betrachtete, der ihm folgte wie ein Kind seiner Mutter. Unsicher klammerte sich der junge Mann an jene, die schon lange hier lebten, in der Hoffnung, sie würden ihm helfen, als wären sie seine einzigen Verwandten in diesem fremden Land.
Madame Carmen führte ein Gästehaus. Sie verlangte eine monatliche Miete, doch einige Bewohner*innen unterstützten sie bei Ordnung und Sauberkeit und zahlten dafür weniger Geld.
«Hier bin ich, meine liebe Madame Carmen. Was benötigen Sie von mir?», fragte Marijanovic. Er neigte beim Sprechen den Kopf, stotterte die französischen Wörter, als buchstabiere er sie, zog sie in die Länge. Sein Akzent war hart und unbeholfen. Er sprach, wie es geschrieben stand, ganz nach dem serbischen Prinzip: «Sprich, wie du schreibst, und die Welt wird dich verstehen.»
So sprachen viele jugoslawische und nicht nur jugoslawische Arbeiter*innen in Paris. «Gibt es Probleme im Hotel?», fragte Madame Carmen streng, ihr Blick durchbohrte Marijanovic. Er wusste, dass sie keine Geduld für Nachlässigkeit hatte, und das machte ihn nervös. «Hast du meine Anweisungen befolgt?», fragte sie misstrauisch.
Neben ihr bellte die kleine, gelbe Bulldogge zornig, als wolle sie Marijanovic warnen, die gute Madame nicht anzulügen.
Marijanovic erklärte alles stockend und schleppend.
«Und wer ist dieser junge Herr?», fragte Madame Carmen schliesslich und musterte den Studenten neugierig.
«Das, gnädige Frau, ist ein Student. Patron Grigorije empfiehlt ihn für ein Zimmer bei Ihnen, er wird bei der Baufirma demnächst zu arbeiten beginnen.»
Marijanovic führte die beiden in den ersten Stock zu Zimmer Nummer vier. Die alte Holztreppe war frisch gestrichen. Das Zimmer, das für den Studenten bestimmt war, war wie eine Kammer. Darin stand nur ein Bett mit samtigem Überwurf, weiss mit blauen Blumen.
«Hier ist alles perfekt», sagte Marijanovic und breitete die Arme aus. «Selbst ein König würde sich wohlfühlen.»
Der Student betrachtete schüchtern sein Zimmer. Sein Herz füllte sich mit Glück, es war sein erstes Zimmer in Paris. Er lächelte Madame Carmen dankbar an.
«Bewahre dieses Zimmer wie einen Schatz», sagte Marijanovic. «Paris hat dich aufgenommen.»
Madame Carmen fügte streng hinzu: «Du wirst uns dankbar sein. Du frierst nicht, du bist nicht allein. Räume das Zimmer regelmässig auf.»
Dann liessen sie ihn allein. Kaum waren sie fort, warf sich der Student aufs Bett, das unter seinem Gewicht ächzte. Er weinte Tränen vor lauter Erleichterung. Die Angst der vergangenen Tage löste sich auf. Bald schlief er ein.
Über Paris funkelten die Sterne, und die Stadt versank in eine ruhige, klare Nacht. So wurde unser Student in Paris aufgenommen.